Ein System, das krank macht

von Lukas Wilke

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Mensch vor Profit! So lautet die zentrale Forderung in einem Appell von mehr als 200 Medizinerinnen und Medizinern, den das Magazin stern heute veröffentlicht. Neben prominenten Gesichtern wie Frank Ulrich Montgomery, Vorstandsvorsitzender des Weltärztebundes und früherer Präsident der Bundesärtzekammer, haben auch zahlreiche Ärztekammern, Fachgesellschaften, Berufsverbände und andere Interessenvertretungen, wie beispielsweise das #twankenhaus, ihre Unterstützung ausgesprochen.

 

Konkret stören sich die Unterzeichnenden vor allem an den so genannten Fallpauschalen, die 2004 verpflichtend eingeführt worden waren. In diesem Abrechnungssystem werden Diagnosen in Fallgruppen – den Diagnosis Related Groups (DRGs) – eingeteilt und pauschal vergütet. Der Vorwurf: Patienten rechnen sich in diesem System vor allem dann, wenn an ihnen in kurzer Zeit viele technische Eingriffe durchgeführt werden können.

 

Zeit ist Geld

Ökonomisch nicht interessant sei es hingegen, „wenn Krankenhausärzte mit Patienten sprechen, über die richtige Diagnose nachdenken und in der Fachliteratur nachforschen, oder wenn sie Patienten erst beobachten, bevor sie in ungezielten Aktionismus verfallen“. Auch für gestiegene Verwaltungsarbeiten, Teambesprechungen oder Weiterbildungen sei keine Zeit vorgesehen.

 

In ihrem Appell sprechen die Ärzt*innen von einer Revolution des Gesundheitssystems, die jeder zu spüren bekomme, der heute eine Klinik betritt. „Wir tragen dort unsichtbare Preisschilder auf der Stirn“, heißt es in dem Schreiben. Gepaart mit einer voranschreitenden Ökonomisierung, die die Krankenhäuser dazu zwingt, profitorientiert zu arbeiten, habe sich die Medizin enthumanisiert.

 

Dieser Entwicklung möchte der Ärzte-Apell entgegenwirken: „Die Führung eines Krankenhauses gehört in die Hände von Menschen, die das Patientenwohl als wichtigstes Ziel betrachten“, so die Autoren. Schließlich würde auch niemand von Polizei oder Feuerwehr erwarten, dass sie schwarze Nullen schreiben. Mit dem Appell suchen sie nun weitere Unterstützer.

 

Die Forderungen im Überblick:

  1. Das Fallpauschalensystem muss ersetzt oder zumindest grundlegend reformiert werden.

  2. Die ökonomisch gesteuerte gefährliche Übertherapie sowie Unterversorgung von Patienten müssen gestoppt werden. Dabei bekennen wir uns zur Notwendigkeit wirtschaftlichen Handelns.

  3. Der Staat muss Krankenhäuser dort planen und gut ausstatten, wo sie wirklich nötig sind. Das erfordert einen Masterplan und den Mut, mancherorts zwei oder drei Kliniken zu größeren, leistungsfähigeren und personell besser ausgestatteten Zentren zusammenzuführen.

 

Den Appell im Wortlaut sowie eine Liste mit den Unterstützenden finden sie hier.

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