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Digitalisierung: Fortschritt im Sinne des Patienten?

von Moritz Pfingsten

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Der Begriff „Digitalisierung“ steht ursprünglich für die reine Überführung von analogen Informationen in eine digitale Speicherung. Wird der Begriff heute verwendet, auch in Bezug auf das Gesundheitswesen, so reicht die Definition natürlich nicht mehr aus: Vielmehr beschreibt die Digitalisierung des Gesundheitswesens die langfristigen und tiefgreifenden Veränderungsprozesse im gesamten System, hervorgerufen durch die Einführung digitaler Technologien. Diese Prozesse haben das Potenzial, eine völlig neue Gesundheitskultur entstehen zu lassen.

 

Dabei wird stets die neue Rolle des Patienten – vom passiven Kunden zum mündigen, aktiven Mitgestalter der eigenen Gesundheit – betont. So beschreibt beispielsweise das Philips Zukunftsinstitut die „Geburt des selbstbewussten Gesundheitskonsumenten“. Zudem gewinnen Konzepte wie das „Patienten-Empowerment“, also der Versuch, die Position des Patienten durch Informationen, Mitwirkung und -entscheidung zu verbessern, immer mehr an Zuspruch. Auch die wachsende „Quantified Self“-Bewegung, bei der Menschen ihren Körper mit Apps, Fitnesstrackern oder anderen Geräten vermessen, ist ein Indikator für diese Entwicklung. Doch ist der mündige Patient eine reale Vorstellung oder nur ein Wunschgedanke? Und sind die Digitalisierungsmaßnahmen und Veränderungsprozesse im Gesundheitswesen überhaupt auf die Ansprüche von Patienten ausgerichtet?

 

Mit diesen Fragen beschäftigt sich eine repräsentative Studie der Unternehmensberatung BearingPoint, deutschlandweit durchgeführt im März 2016. Der Studie zufolge stimmen die umgesetzten digitalen Maßnahmen in Krankenhäusern oft nicht mit den Erwartungen der Patienten überein. Diese wünschten sich primär digitale Angebote, die die internen Krankenhausabläufe verbessern. Als besonders wichtig wurden dabei das Vermeiden von Fehlern und die Unterstützung bei Diagnosestellungen eingestuft. Die staatlichen Förderungen bezögen sich bislang aber hauptsächlich auf die Telemedizin und den sektorenübergreifenden Informationsaustausch.

 

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Die Bereitschaft, Verantwortung für die eigene Behandlung zu übernehmen, ist bei Patienten überwiegend vorhanden. 81 Prozent der Befragten gaben an, die Entscheidungen ihrer Ärzte zu hinterfragen, 72 Prozent gaben an, ihre Behandlung aktiv mitzugestalten. Laut der Studie schränkt die aktuelle Situation im Gesundheitswesen die Bemühungen zur Mündigkeit jedoch ein. Patienten hätten oft nicht genügend objektive Informationen, um überhaupt ein mündiges Verhalten entwickeln zu können. So bestätigten beispielsweise nur 36 Prozent, sehr gut oder gut von Krankenhäusern über die aktive Behandlungsgestaltung informiert zu werden. Die gesamte Studie finden Sie auf der Website von BearingPoint.

 

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens lässt sich so aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Wird die neue Rolle des Patienten anerkannt, sollte die Frage gestellt werden, inwieweit es möglich ist, dessen Erwartungen und Wünsche in die Umsetzung digitaler Maßnahmen einzubeziehen. Der entscheidende Punkt ist: Werden die digitalen Innovationen zukünftig im Sinne der Patienten eingesetzt – oder dienen sie eher dem Fortschritt um des Fortschritts willen?

 

 

© Bild: freepik.com/Onlyyouqj

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