Patientenbriefe können Gesundheitskompetenz stärken

von Lukas Wilke

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Warum gibt es einen Arztbrief, aber keinen Patientenbrief? Dieser wichtigen Frage widmet sich das gemeinnützige Projekt „Was hab ich?“ seit mittlerweile acht Jahren. Denn angesichts mangelnder Gesundheitskompetenz in Teilen der Bevölkerung und eines sich ändernden Selbstverständnisses der „mündigen Patienten“ spielen verständliche Patienteninformationen eine immer wichtigere Rolle in unserem Gesundheitssystem.

 

Das Projektteam von „Was hab ich?“ hat sich deshalb eine Arzt-Patienten-Kommunikation auf Augenhöhe zum Ziel gesetzt und 2011 einen Dolmetsch-Service gegründet. Über eine Website können Patient*innen im Anschluss an einen Krankenhausaufenthalt ihren Arztbrief hochladen, wo ihn ehrenamtlich tätige Ärzt*innen und Medizinstudierende kostenlos in einfache Sprache übersetzen.

 

Nun haben die Initiatoren gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium eine Studie vorgestellt, die die Bedeutung von Patientenbriefen nachweisen soll. Das Ergebnis: Patientenbriefe können die Gesundheitskompetenz stärken und wirken sich zudem positiv auf die Wahrnehmung eines Krankenhauses aus.

 

Pilotprojekt mit über 2.500 Patientenbriefen

Für die Studie haben die Verantwortlichen 2015 ein Pilotprojekt in der Paracelsus-Klinik Bad Ems gestartet, das allen Patienten der internistischen Abteilung die Möglichkeit bot, zusätzlich zum Arztbrief auch einen Patientenbrief in leicht verständlicher Sprache zu erhalten. Um dessen Wirkung und Relevanz zu überprüfen, wurden die Patienten gebeten, ihre Eindrücke und Erfahrungen in einem Fragebogen zu schildern.

 

Dazu wurden aus den Teilnehmern per Zufallsprinzip zwei Gruppen gebildet: Eine Interventionsgruppe, deren Probanden drei Tage nach der Entlassung zusätzlich ihren Patientenbrief erhielten. Anschließend wurde auch der Fragebogen zugestellt. Daneben gab es eine Kontrollgruppe, die den Fragebogen nur auf Basis ihres Arztbriefes beantworten sollte und erst nach dem Zurücksenden ihren Patientenbrief erhielt.

 

Ohne Entlassgespräch weniger Therapietreue

Besonders auffallend ist, dass sich mehr als die Hälfte der Befragten nur an ein sehr kurzes Entlassgespräch erinnern. Und sogar jeder fünfte Teilnehmer gab an, gänzlich ohne abschließendes Gespräch entlassen worden zu sein. Dabei liegt es auf der Hand, dass Patienten, die bei ihrer Entlassung nicht umfassend über Indikation, Medikation oder weitere Behandlungsschritte aufgeklärt werden, weniger Therapietreue erwarten lassen.

 

So gaben auch nur 42,3 Prozent der Kontrollgruppe an, ihre Untersuchungsergebnisse voll und ganz verstanden zu haben, während die Patienten mit Patientenbrief zu 63,8 Prozent sagen, sie hätten alles verstanden. Ein ähnliches Bild zeigt sich bezüglich des Medikamentenplans: Fast doppelt so viele Teilnehmer der Kontrollgruppe wussten nicht, weshalb sie ihre Medikamente einnehmen sollten (29 Prozent).

 

Gut informierte Patienten fühlen sich besser unterstützt

Wie die Studie nahelegt, haben diese Ergebnisse aber nicht nur Auswirkungen auf die Gesundheitskompetenz der Patienten, sondern auch auf das Bild, das ein Krankenhaus bei den Patienten hinterlässt. Gut die Hälfte der Interventionsgruppe gab an, bei ihrer Entlassung volle Unterstützung erhalten zu haben. Dieser Auffassung waren jedoch nur 36,7 Prozent der Patienten, die keinen Patientenbrief erhalten hatten.

 

Auch bei der Weiterempfehlungsrate des Krankenhauses zeigen sich signifikante Unterschiede. Während 85,6 Prozent der ersten Gruppe das Haus sicher oder sehr wahrscheinlich empfehlen würde, war das in der Kontrollgruppe nur noch bei 75,3 Prozent der Fall. Damit scheinen Patientenbriefe auch die Patientenzufriedenheit und die Reputation des Haus steigern zu können.

 

Wer schreibt hunderte von Patientenbriefen?

Während des Pilotprojektes waren die Patientenbriefe manuell erstellt worden. Grundlage dafür war ein vom „Was hab ich?“-Team gefüttertes IT-System, das über rund 3.000 Textbausteine verfügt. Damit lässt sich der medizinische Fachjargon in eine leicht verständliche Sprache herunterbrechen. Die Bearbeitung der Arztbriefe erfolgte extern durch sieben hauptamtlich bei „Was hab ich?“ tätige Ärzt*innen, sodass der Klinik keinerlei Mehraufwand entstand.

 

Seit 2017 arbeitet das Projektteam aber auch an einer Software, die diesen Prozess vollständig automatisieren soll. „So sollen Patientenbriefe als Standard ins Entlassmanagement integriert werden können“, heißt es im Fazit des Ergebnisberichts. Die Briefe müssten dann vom Klinikpersonal lediglich ausgedruckt werden, sodass der Arbeitsaufwand minimal bleiben soll. Eine erste Testphase mit automatisch erstellten Patientenbriefen beginnt diesen Monat im Herzzentrum Dresden.

 

Weitere Ergebnisse sowie den gesamten Bericht finden sie unter: www.patientenbriefe.de.

 

 

© Bild: Was hab ich? | David Pinzer

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