Rezension: „Kranke Pflege. Gemeinsam aus dem Notstand“

von Agentur lege artis

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Beinahe über Nacht wurde Alexander Jorde zum Gesicht des Pflegenotstands in Deutschland, als er am 11. September 2017 Angela Merkel in der ARD-Wahlarena mit den Missständen in der Pflege konfrontierte. Ein wenig verloren entgegnete Merkel dem 22-Jährigen Pflege-Azubi damals: „Ich hoffe, wenn wir uns in zwei Jahren wiedersehen würden, dass es dann etwas besser ist.“

 

Die zwei Jahre hat Jorde nicht ganz abgewartet, etwa 18 Monate nach seinem Auftritt in der Wahlarena hat er nun ein Buch veröffentlicht, in dem er seine Kritik von 2017 aufgreift und weiter ausführt. Schonungslos und mit der überzeugenden Kraft eigener Erfahrungen stellt er die Missstände in deutschen Krankenhäusern dar. Er zeigt auf, wie sich der Mangel an qualifiziertem Pflegepersonal auf PatientInnen und Pflegekräfte auswirkt und berichtet von besorgniserregenden Versorgungsengpässen.

 

Alle sind schuld
Jorde nimmt die Politik in die Verantwortung. Er fordert ein Umdenken in Sachen Pflege und kritisiert die Ökonomisierung der Krankenhauslandschaft. Darüber hinaus nimmt er aber auch die PflegerInnen von seiner Kritik nicht aus. Mangelnde Selbstorganisation habe dazu geführt, dass die eigenen Anliegen häufig wenig Gehör gefunden hätten.

 

Wege aus dem Pflegenotstand
Die erste Hälfte des Buchs ist absolut mitreißend und leistet – insbesondere für Laien auf dem Gebiet – wichtige Aufklärungsarbeit. Gerade wie Jorde den Arbeitsalltag beschreibt, in dem PflegerInnen ständig priorisieren müssen und den Fokus nur noch darauf legen, keine lebensbedrohlichen Fehler zu machen, lässt einen des Öfteren tief durchatmen. Dass dabei die Bedürfnisse der PatientInnen auf der Strecke bleiben, verwundert dann nicht mehr.

 

Im zweiten Teil des Buches versucht Jorde Lösungen zu präsentieren. Dazu wagt er zunächst einen Ausblick auf andere Länder. Zwar findet er hier einige interessante Beispiele, allerdings wird nicht überall deutlich, welchen Mehrwert das jeweilige Beispiel für die Situation in Deutschland bietet. Im Anschluss stellt Jorde seine eigenen Lösungsvorschläge vor. Dabei betont der Autor, dass es nicht „den einen Lösungsweg“ aus dem Notstand gäbe. Stattdessen führt er eine Art Maßnahmenkatalog auf. Dieser ist größtenteils gut nachvollziehbar, an einigen Stellen kommt die eigene kritische  Auseinandersetzung mit den Maßnahmen jedoch zu kurz.

 

Insgesamt handelt es sich jedoch um ein kurzweiliges und sehr gut zu lesendes Buch. Vor allem der erste Teil ist beeindruckend. Die zweite Hälfte fällt ein wenig ab, ist aber dennoch interessant und eignet sich mit Sicherheit gut als Einstieg in die Diskussion.

 

Jorde, Alexander (2019): Kranke Pflege. Gemeinsam aus dem Notstand, Stuttgart: Tropen. (Klappenbroschur: 17,00 Euro; eBook: 13,99 Euro)

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